Kinder aus dem Labor
den 12 Mai, 2004
Ein Film von Silvia Matthies
Kamer Jochen Klemm, Peter Carstiuc, Sergej Koschinskij
Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks
2004
In den osteuropaeischen Staaten wird es ueber die ethischen und medizinischen Auswirkungen der Embryonenforschung kaum diskutiert. Eine liberale Gesetzgebung fuehrt dazu, dass Forschen, so gut wie keine Fesseln angelegt werden.
Kiew, die Hauptstadt der Ukraine. Die Antibabypille hat sich bei den Frauen hier noch nicht durchgesetzt.Wahrscheinlich waeren sie bei dem geringen Einkommen auch zu teuer. Die Methode der Wahl unerwuenschten Nachwuchs zu verhindern, ist die Abtreibung. So war es schon in kommunistischen Zeiten. Hier, in Kiew, werden Kranken bereits embryonalle Stammzellen transplantiert. Patienten aus aller Welt reisen an, um sich vom Professor Alexander Smikodub behandelt zu lassen. In der Raeumlichkeit der Universitaet betreibt er einen Institutsnamen EmCell. Er hat sich auch Stammzelltherapie spezialisiert. Zahlreiche Patente schmuecken sein Buero: sie stammen aus der Ukraine, aber auch aus den USA, oder Niederlanden. Der Professor behandelt mit den embryonallen Stammzellen Nervenkrankheiten, Diabetes, Krebs und vieles andere mehr. Bereitwillig zeigt Professor Smikodub sien Allerheiligstes – in Kuehlbehaeltern lagernde kryokonservierte embryonalle Stammzellen. Diese Stammzellen werden aus Abtreibungsmaterial entwickelt. Die abgetriebenen Embryonen und Fuetten, die er fuer seine Therapie braucht, sind zwischen vier und acht Wochen alt. Ein Stadium, in dem das Ungeborene sich schon bald entwickelt ist. Hier werden die embryonallen Stammzellen gerade an einen Englander verabreicht. Er leidet unter Multiple Sclerosis.
Laurence Finestone ist zum ersten Mal bei EmCell. Die Behandlung kommt ihm teuer. Doch die Therapie lohne sich, meint er. Schon am 2. Tag nach der Stammzelltransplantation spuere er einen Fortschritt und koenne besser gehen.
Laurence Finestone:
- Man fuehlt sich besser, es macht einen staerker jeden Tag. Aber ich erwarte natuerlich nicht, dass ich von dieser Therapie total beheilt werde. Diese Stammzellen haben keine Nebenwirkungen. Sie sind kein Medikament, sondern ein voellig natuerliches Produkt, das dem Koerper zugefuehrt wird. Ich denke, die Probleme mit der Abstossung, die es in Anfangszeit gab, waren dadurch bedingt, dass die Stammzellen aus Blut hergestellt wurden, aber jetzt ist es ein ganz natuerliches Produkt. Es hat keinerlei Nebenwirkungen.
Im Labor von EmCell werden die Zellen differenziert und zu Stammzellen aufgearbeitet. Wissenschaftler aus aller Welt diskutieren ueber Abstossungsreaktionen bei der Transplantation von embryonallen Geweben. Wie schafft es es der Professor, sie zu verhindern?
Professor Smikodub A.I.:
- Die embryonallen Stammzellen, die wir nutzen, sind zwischen 4 und 8 Wochen alt. Sie haben entweder keine Antigene oder die Antigene sind schwach entwickelt. Sie rufen keine Immunkonflikte hervor und es tritt keine Abstossungsreaktion auf. Der Organismus nimmt die embryonallen Stammzellen wie seine eigenen an.
- Es bildet sich in dem Organismus, in den die embryonallen Stammzellen eingepflanzt werden, sofort ein Toleranzmechanismus. Der Empfaengerorganismus haelt diese Zellen aus. Deswegen fuehren wir, wenn wir unsere Patienten mit Stammzellen behandeln, auch keine vorbeugende Therapie mit Immunsuppressiven durch; denn diese koennen den Patienten schaden und das Krankheitsbild verschlimmern.
Ob diese ausserwissenschaftliche Therapie heilbar ist, koennen von anderen Stammzellforschern beurteilt werden. Viele Betroffenen allerdings haben ein uneingeschraenktes Vertrauen in Professor Smikodubs Therapie. Manche kommen sogar aus Amerika, um bei EmCell ihre schwerkranken Kinder behandelt zu lassen. James und seine Mutter sind schon das zweite Mal hier. Der Junge ist 14 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Er hat die Duchenische Muskeldystrophie. Warum laesst ihn seine Mutter nicht in Amerika mit Stammzellen behandeln?
Karen Rossetti:
- Zu Hause in Amerika gibt es momentan kaum Stammzelltherapie. Praesident Busch hat es verboten, oeffentlich Gelder fuer die Stammzelltherapie bereitzustellen. Es ist von seiner Seite aus einer ethischen Entscheidung, die abgetriebenen Embryonen und Fuetten nicht fuer die Stammzelltherapie benutzt werden duerfen. Hier, in der Ukraine, ist es ganz legal.
- Sind Sie dann sicher, dass diese Therapie erfolgreich ist?
- Absolut. Wir wuerden niemals das Geld und die Zeit investieren, von Amerika hierher zu kommen, wenn wir nicht davon profetieren wuerden.
Professor Smikodub rechtfertigt die hohen Kosten damit, dass die Vorbereitung der embryonallen Stammzellen extrem aufwendig sei. Neben der Behandlung schwerer unheilbarer Erkrankungen hat er noch eine andere lokative Einnahmequelle – das Antiaging – sozusagen, eine mit embryonallen Stammzellen ausgeloeste Verjuengerung.
- Wir haben eine Reihe von Patienten, die zu uns wegen Alterserscheinungen kommen. Wir helfen ihnen in der Tat. Ein Mensch, der embryonalle Stammzellen erhalten hat, wird ein anderer Mensch. Er veraendert sich hinsichtlich der psychologischen Wahrnehmung der Welt. Er hat ein neues Lebensgefuehl und betrachtet die Welt auf einmal ganz anders. Aber die Hauptsache ist, dass er wacher und munterer wird. Die Muedigkeit faellt von ihm ab, die Falten glaetten sich, das Hauptbild verbessert sich entscheidend, und das Gleiche gilt fuer die innere Sekretion. Bei Maennern steigert der Testosteronspiegel. Embryonalle Stammzellen bewirken ein beispielloses Lifting, viel effektiver als jede plastische Operation. Die Haut zieht sich zusammen, haengt nicht mehr darunter, alles glaettet sich.
Vor allem Patienten aus Amerika wollen sich beim EmCell in Kiew verjuengen lassen. Manche kommen sogar mir dem eigenen Flugzeug. Professor Smikodub ist jedenfalls von dem Erfolg seiner Stammzelltherapie bei schweren Erkrankungen ueberzeugt.
Wir fragen Professor Schoeler, einen der bekanntesten deutschen Stammzellforscher, wie es zu erklaeren ist, dass sich der Zustand der Patienten schon nach wenigen Tagen verbessert.
Prof. Hans Schoeler, Max-Planck-Institut fuer Molekulare Bimedizin, Muenster:
- Das sind Dinge, die tatsaechlich aeusserst erstaunlich werden, wenn tatsaechlich es so schnell gehen wuerde. Ich kann es mir nicht vorstellen. Und ich halt’es fuer ganz wichtig, dass es diese Dinge stimmen sollen. Was passiert ist, wie die Zellen isoliert werden, wie sie zugegeben worden sind, und was tatsaechlich die Patienten am ersten, zweiten, dritten Tagen gefuehlt haben. Sollen es tatsaechlich Langzeitstudien erfolgen und die Oeffentlichkeit zugefuehrt werden. Es ist leider so, dass man sehr oft vom Scharlatan hoert. Denn nur denke man tatsaechlich, die Spreu vom Weizen zu trennen.
- Der Professor aus Kiew behauptet, ja, dass seine Patienten ueberhaupt keine Abstossungsreaktion dieser embryonallen fetalen Gewebe haben. Koennen Sie das erklaeren?
- Es muesste, ja, durch die Prozedur der Immuntoleranz gewinnen und das ist etwas, dass man nicht vorstellen kann. Allerdings wuerde das stimmen...etwas wie das therapeutische Klonen hinfaellig.
Das therapeutische Klonen hat gerade weltweit auch Sinn erregt. Zwei koreanische Forscher haben es geschafft, nach der Dolly-methode, einen menschlichen Embryo zu klonen. In die entkernten Eizellen von freiwilligen Spenderinnen wurden ihre eigenen Koerperzellen implantiert. So sei im Labor ein menschlicher Klon entstanden, aus dem eine Stammzell-linie hergestellt worden sei. Die Forschungsergebnisse zeigten, dass man so sein eigenes Stammzelldepot herstellen koenne. Der Sprecher der Forschungsgruppe bezeichnet es als Durchbruch in der Transplantationsmedizin.
- Aus der Art produzierter Stammzellen koennen spaeter Gewebe jeder Art gezuechtet werden, das vom Immunsystem des Koerpers nicht abgestossen wuerde.
Eine Schwierigkeit, die beim therapeutischen Klonen immer auftritt, ist das Reprogrammieren der Zellen, deren Lebensuhr muss zurueckgestellt werden. |